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Sonntag, 24. Juli 2022

Abschied von zwei alten Bekannten

In dieser Woche waren Miriam und ich in der MHH, um uns von unserem "alten" Muko-Arzt und einer langjährigen Muko-Ärtzin zu verabschieden.

vlnr: Insa Krey, Dr. Sibylle Junge, Prof. Burkhard Tümmler, Miriam Stutzmann

Frau Dr. Junge war viele Jahre in der Kinderklinik - allerdings erst nach unserer "aktiven" Zeit. Miriam und ich kennen sie allerdings von einer Sportgruppe, die Mitte der 90er Jahre in Hannover für Mukos eingerichtet wurde. Frau Dr. Junge arbeitete damals noch in der Sportmedizin und wir waren die ersten Mukos mit denen sie in Kontakt kam. Scheinbar haben wir einen guten Eindruck gemacht :-) so dass sie etwas später in die Ambulanz der MHH gewechselt ist. 

Von anderen hören wir nur Gutes über Frau Dr. Junge. Sie war sehr engagiert und hatte auch zwischendurch mal Zeit für ein paar persönliche Worte. Und natürlich legte sie immer Wert auf eine gute Sporttherapie. Dabei hat sie aber nicht zu viel Druck ausgeübt, sondern gemeinsam mit den Patient*innen geguckt, was möglich ist. 

Ich persönlich habe mich immer gefreut, sie und ihren Mann beim Muko-Spendenlauf zu sehen, den sie mit vielen Laufrunden tatkräftig unterstützt hat (und hoffentlich noch ein paar Jahre unterstützen wird!).

Prof. Tümmler war in der Patient*innenbetreuung und auch in der internationalen Muko-Forschung. Er hat in Deutschland die Forschung in vielen Bereichen voran gebracht und viele Standards gesetzt.
Er war viele Jahre lang Miriams betreuender Arzt und Ansprechpartner Nr. 1.
Sie war damals von einer anderen Klinik aufgegeben worden ("Nehmen Sie das Kind zum Sterben mit nach Hause.") und hatte dann das große Glück von ihm behandelt zu werden. Auch wenn er oft streng war, so hat er es doch immer geschafft, wichtige Aspekte bzw. Hintergrundwissen zu vermitteln. Gerade bei chronisch Kranken ist es wichtig zu wissen: "Warum mache ich was?". So hat er z.B. Laborbesuche ermöglicht, um Zusammenhänge besser zu erklären.
Miriams Gesundheitszustand war immer sehr schlecht (langjährige PEG und Sauerstoffzufuhr). Durch Prof. Tümmler hat sie sehr von den neuen Erkenntnissen profitiert können und ist ihm immer noch sehr dankbar für sein großes Engagement (auch nach Dienstschluss).

Miriam war wie gesagt "Tümmler-Kind", ich gehörte zu Prof. von der Hardt. Beide haben uns sehr geprägt und wir haben beiden viel zu verdanken. Sie haben damals hohe Standards in der Patient*innenversorgung gelegt, waren immer erreichbar und ansprechbar. Sie kannten uns (und unsere Eltern) gut. Und sie wussten immer was zu tun ist oder zauberten einen neue Therapiemöglichkeit aus dem Hut. Als Muko-Patientin kann man sich nicht mehr wünschen.

Die Ärzte der Kinderklinik haben uns außerdem zu selbständigen und mündigen Patientinnen erzogen - was später nicht immer und überall so gut ankam...

Miriams Torte: hellblaues Fondant als Untergrund mit rosa Lunge in der Mitte und vielen verschiedenen Tabletten und Kapseln (auch Fondant) darum. 
Aussen ist noch ein Fondant-DNA-Strang angebracht.

Zum Abschied gab es natürlich einen ganz besonderen Kuchen von Miriam. Diesen haben wir uns gemeinsam schmecken lassen und dabei Geschichten von früher erzählt... Das war schön.

Insa


Freitag, 15. Juli 2022

40 Jahre Krankenhausleben

So ziemlich genau vor 40 Jahren musste ich das erste Mal stationär in die Kinderklinik der MHH aufgenommen werden. Das war damals ein ziemlicher Schock. Glücklicherweise konnte meine Mutter damals mit aufgenommen werden und war in diesen Wochen immer an meiner Seite. 

 Fotobeschreibung: Insa lehnt an der Wand und neben ihr hängt eine blaue 40 aus Plastik

Ich habe an diese ersten Krankenhausaufenthalte sehr wenig Erinnerung - außer, dass es 1982 ein sehr heißer Sommer mit sehr warmen Sommernächten war. Zu diesen Sommernächste auf dem Krankenhausbalkon gibt es auch schon einem Beitrag hier: "Und es war Sommer"

Das Jahr 1982 habe ich, mit immer mal ein paar Heimat-Pausen zwischendurch, im Krankenhaus verbracht. Danach wurde mein Zustand besser und ich pendelte mich irgendwann in einen 2-Besuche-pro-Jahr-Rhythmus ein. So seltsam das vielleicht klingen mag... an diese Kinderklinik-Zeit habe ich schöne Erinnerungen. (Natürlich passierten zwischendurch auch mal nicht ganz so schöne Dinge...)
Positiv war damals auf jeden Fall das Gefühl oder Gesamtpaket: Ich wusste, die Leute dort kennen sich aus, machen das Richtige und bringen mich wieder in die Spur. Ich hatte damals sowas wie ein Urvertrauen, dass alles wieder gut wird, wenn es mir mal schlecht geht. Dieses Urvertrauen habe ich leider inzwischen verloren. Aber das ist eine andere Geschichte...

mein 40-Jahre-Fazit

Was kann ich zu diesen 40 Jahren noch sagen? Viele meiner Krankenhausfreundinnen und -freunde sind in diesen Jahren verstorben. Das ist hart.
Aber es ist auch schön, dass einige Freundschaften die vielen Jahren überdauert haben - wie z.B. die Freundschaft zwischen Miriam und mir. Diese begann tatsächlich in der Kinderklinik der MHH irgendwann in den 80ern.

Und natürlich muss ich hier die fulminaten Entwicklung in der Therapie nennen. Ich glaube, bei kaum einer anderen Erkrankung gab/gibt es solche großen Fortschritte, wie bei Mukoviszidose. Dies zeigt sich auch in der Überlebensstatistik: Die meisten der heute mit Muko geborenen Kinder werden über 50 Jahre alt. Das war vor 40 Jahren kaum denkbar.

Ein sehr großer Unterschied von damals zu heute ist natürlich auch die Situation auf den Stationen. Früher gab es noch keine Personalnot und keine große Fluktuation, so dass die Schwestern für die Patient*innen viel Zeit hatten und sich wirklich kümmern konnten. Wir haben uns viel unterhalten und auch oft Quatsch zusammen gemacht. Auch hier entstanden Freundschaften, die teilweise noch heute (wenn auch nur eher sporadisch) bestand haben.

Die Entwicklung in den Krankenhäusern generell macht mir Angst. Durch die Corona-Krise hat sich alles nochmal mehr verschärft. Ich denke es ist wichtig zu begreifen, dass ein Krankenhaus nicht dafür da ist Gewinne abzuwerfen. Ein Krankenhaus soll Menschen helfen und möglichst gesund machen.

Hoffen wir das Beste
Insa 


Freitag, 11. März 2022

Medikamentenabhängig?!

Als ich ungefähr 12 Jahre alt war, schickten mich meine Eltern (allein) zur Kur. (Inzwischen heißt das Reha... damals war aber alles irgendwie Kur.) Meine Eltern und mein behandelnder Prof. in der MHH hatten etwas länger hin und her überlegt, ob so ein Aufenthalt das Richtige für mich sei. Ich war noch ziemlich jung - aber doch geschult im Umgang mit allen Medikamenten und Inhalationen. Damals hatte ich schon einige Tiefpunkte und Verschlechterungen hinter mir... ich wußte also, was ich der modernen Medizin zu verdanken hatte und konnte sehr gut einschätzen, wie schnell es ohne Medikamente wieder bergab gehen würde. Für Muko-Verhältnisse nahm ich damals schon eine Menge Tabletten ein und inhaltierte vier Mal am Tag.

Die Klinik, in der ich meinen Aufenthalt verbringen sollte, war eine der wenigen Einrichtungen, die auf Mukoviszidose-Patient*innen spezialisiert war. Sie hatte einen guten Ruf. Also auf ins Abenteuer!
(Ich werde hier den Namen der Klinik nicht erwähnen, weil dieser Geschichte schon fast über 40 Jahre her ist und sich seitdem eine Menge verändert hat.)

Ich kam mit einem größeren Schwung an Kindern in der Kureinrichtung an und wurde auf der Muko-Station in einem Dreibettzimmer untergebracht. Ich hatte ein paar Tabletten für die ersten Tage dabei, aber nicht für den gesamten Aufenthalt. Auch mein Inhaliergerät hatte ich zu Hause gelassen, weil wir davon ausgingen, dass Inhaliergeräte Standard sind und ich dort garantiert eins bekommen würde (bekam ich in der MHH ja auch immer bei jedem Aufenthalt).

Am ersten Tag durfte ich auch einmal kurz dem Direktor "Guten Tag" sagen. Er inspizierte meine Medikamentenliste und stellte fest, "dass das ja eine ganze Menge sei...". Und er machte gleich Überlegungen, welche Tabletten oder Inhalationen man wohl weglassen könnte. Natürlich gingen bei mir (auch als 12-Jährige) die Alarmglocken an - aber welche Chance hatte ich gegenüber dem Direktor? Ich hoffte, es würde sich irgendwie klären lassen.

Auf der Station gab es dann kein Inhalationsgerät für mich - es gab für die ganze Station ein einziges im Schwesternzimmer und inhaliert wurde nur auf Ansage. Das fand ich seltsam. Dann wurde meine Medikamentenliste zusammen gestrichen. Ich versuchte mit den Schwestern zu reden - aber das Muko-Kind, das ich nun mal war, wurde ignoriert.

Nach ein paar Tagen begann es mir schlechter zu gehen. Irgendwann saß ich weinend im Schwesternzimmer und versuchte der Schwester klar zu machen, dass ich die Tabletten und Inhalationen brauchte, weil es mir sonst immer schlechter gehen würde. Die Schwester tat sehr verständnisvoll. Sie streichelte mir über den Rücken und sagte dann den Satz, den wohl kein Muko (oder chronisch kranker Mensch) hören will: "Du weisst doch was das bedeutet, oder? Du bist medikamentenabhängig." Punkt. Das saß. Alles weiter, was ich danach noch versucht zu sagen oder zu erklären, wurde damit abgeschmettert. 

Damals gab es keine Handys und ich glaube, es gab auch keine Telefonzelle auf dem Gelände. Meine einzige Chance war ein Brief nach Hause... Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals geschrieben habe außer "Ich will hier weg. Holt mich bitte ab." Aber meine Eltern erkannten die Situation glücklicherweise und hielten es nicht nur für Heimweh. Sie kamen und holten mich ab und wir fuhren direkt zur MHH, die mich wieder aufgepäppelt hat. 

Mein Prof. war danach stinksauer. Ich glaube, er hat nicht so schnell wieder Patient*innen in diese Einrichtung geschickt... Und ich habe auch keinen zweiten Kur-Versuch unternommen. Das Thema war durch - ein für alle Mal. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was hätte alles passieren können...

 Foto: Insa sitzt im Terassenstuhl - leider gibt es aus dem Kur-Jahr keine vernünftigen Bilder von mir... dies ist ein Foto aus dem darauffolgenden Jahr.

Meine Mutter hat an dieses Erlebnis immer noch traumatische Erinnerungen - mehr als ich. Aber woher hätten wir wissen sollen, dass dort bestimmte Medis und Inhalationen nicht zum Standard gehören?
Alles im allem, bin ich froh, dass ich diese Episode gut überstanden habe. Und ich hoffe, heute läuft das alles besser in den Reha-Einrichtungen...

Insa 


Sonntag, 6. Februar 2022

Kurzurlaub Muko-Style

Endlich mal wieder Koffer packen. Bis auf einen traurigen Grund war ich seit Dezember 2019 nicht mehr weg. Na gut, zweimal noch Krankenhaus, aber auch da habe ich nicht mehr selbst die Koffer gepackt. Daher war ich gar nicht mehr in Übung - an was muss ich bloß alles denken? Während ich ein bisschen verpeilt meine Sachen gepackt habe, dachte ich mal wieder daran, dass das vor meiner Lungentransplantation fast 30 Jahre lang eine meiner normalsten Tätigkeit war. Alle 8 - 12 Wochen für zwei Wochen Klinik packen. Und wie schnell sind zwei Monate um. Gerade alles ausgepackt, ging es eigentlich schon wieder ans einpacken.

Reiseziel

Dieses mal brauchte ich nur für knapp vier Tage packen. Und wohin ging nun meine erste Reise in der Pandemie? Es ging nach Hannover. Spektakulär, ich weiß. Ich hatte an zwei Tagen hintereinander Ambulanztermine in der MHH (Medizinische Hochschule Hannover) und wollte nicht den Stress mit dem hin und her fahren haben. Dazu kam, dass ich mir ja das Fersenbein gebrochen hatte und damit noch nicht so gut länger Auto fahren kann. Außerdem habe ich mich auch tatsächlich gefreut, mal wieder ein bisschen raus zu kommen, was anderes zu sehen und ein bisschen für mich zu sein.

Haus Schutzengel

Übernachten konnte ich im Haus Schutzengel vom Muko e.V. Wir haben hier schon häufiger davon berichtet. Es ist ein Haus neben der Klinik, in dem Angehörige günstig übernachten können. Außerdem ist alles so eingerichtet, dass auch Muko Patienten ohne Risiko dort schlafen können (ihr wisst schon, Hygiene-Konzept, Keimproblematik...). Es ist aber nicht einfach nur günstiger als im Hotel zu übernachten, es ist persönlicher, herzlicher. Ich habe mich wieder so aufgehoben gefühlt, mir will gar nicht das richtige Wort dafür einfallen. 

Miriam vor dem Haus Schutzengel in Hannover.

Durch die Nähe zur Klinik konnte ich direkt mit dem Elektro-Rollstuhl "rüber" fahren. Und als ich völlig geschafft am nachmittag zurück war, hingen Brötchen an meiner Tür und eine Mitarbeiterin hatte mir noch Tee besorgt. Total lieb.

Da ich sonntags angekommen bin und da normalerweise kein*e Mitarbeiter*in im Haus ist, hat Insa mir beim einziehen geholfen und ihr Mann hat wieder einmal toll gekocht. Es war richtig schön so gemütlich zusammen zu sitzen. Bevor ich wieder nach Hause musste, habe ich mich noch mit meiner langjährigen Muko-Freundin Nadine getroffen. Auch dort wurde ich lecker bekocht. Daher waren es trotz der Kliniktermine wunderschöne Tage und wirklich wie ein kleiner Urlaub. 

Wer das Haus Schutzengel unterstützen möchte, findet hier alle Informationen. Oder ihr merkt euch schon mal den 28.08.2022 vor, da findet zum 15ten mal der von Insa organisierte Muko-Spendenlauf Hannover statt. Alle Einnahmen gehen auch in diesem Jahr an das Haus Schutzengel. 

Urlaubsgrüße sendet Euch

Miriam 


Samstag, 10. Juli 2021

Auf Hilfe angewiesen sein

Wer von Euch regelmäßig diesen Blog liest, die/der weiß, dass ich großer Fan des Podcasts "Die Neue Norm" bin. In der Folge im Juni 2021 ging es um das Thema Behindertenwohnheime. Dieser Schwerpunkt wurde gewählt, weil vor noch nicht allzu langer Zeit in Potsdam in einem Behindertenwohnheim vier Bewohner*innen von einer Pflegerin ermordet wurden. Und erschreckenderwise blieb danach ein großer Aufschrei in den Medien aus. Das muß man/frau sich mal vorstellen. Wäre so eine Tat in einem Kindergarten verübt worden, dann hätte das Land garantiert tage- oder eher wochenlang getrauert. Es wären in verschiedenen Sädten Trauergottesdienste veranstaltet worden... und ALLE Medien landauf, landab hätten ausführlich berichtet. Aber bei "nur" vier behinderten Menschen ist das Entsetzen eher klein. Von der Täterin wurde spekuliert, ob sie überfordert in ihrem Beruf war - d.h. die Täterin wurde kurzerhand zum Opfer gemacht. Für die ermordeten Menschen interessierte sich kaum jemand.

Bildbeschreibung: Sketchnote-Zusammenfassung "Behindertenwohnheime"

Begünstigen die Strukturen dort Gewalt? Sind es immer Einzelfälle? Was ist eine Wohngruppe? Welche Alternativen gibt es? Das Ziel ist Gleichbereichtigung und Selbstbestimmung. Jezt ist die Zeit um etwas zu verändern.

Wie ist der Zustand in Behindertenwohnheimen?

Als im Podcast Raul Krauthausen, von einer "undercover-Wohnaktion" über fünf Tage in einem Behindertenwohnheim berichtete, fielen mir viele Ähnlichkeiten zu meinen Krankenhauszeiten ein. Er bemängelte z.B. die mangelnde Privatsphäre und dass Bewohner*innen nicht die Hilfe oder Unterstützung bekamen, die sie benötigt hätten (langes Warten auf eine helfende Hand), ebenso fehlendes Empowerment der Bewohner*innen. Grundsetzlich war es ein großes Ungleichgewicht zwischen den dort Lebenden/Wohnenden und den Pflegekräften. Kurzum er beschrieb die strukturelle Gewalt dort - denn nicht immer ist Gewalt tatsächlich etwas Handgreifliches. Dieses Problem haben aber alle Einrichtungen egal ob für behinderte, alte oder kranke Menschen.

Ich weiß der Vergleich hinkt, aber vieles von dem erinnerte mich an meine Krankenhausaufenthalte. Zumindest hatte ich das Glück und konnte nach zwei Wochen stationären Aufenthaltes wieder nach Hause gehen. Oftmals habe ich erlebt, dass ich zur falschen Zeit geklingelt habe (z.B. Übergabe oder Raucherpause). Dieses bedeutete immer langes Warten...
Je schlechter es einer/einem geht und umso mehr wir auf Hilfe angewiesen sind, desto schwieriger wird es oft. "Sie können jetzt aber nicht wegen jeder Kleinigkeit klingeln." ist ein gerngenommener Satz. Wenn keine Angehörigen mit vor Ort sein können und z.B. Getränke anreichen oder das Kopfkissen aufschütteln, dann ist man/frau leider oft verloren.
Ein weiteres einfaches Beispiel: die Zimmertür. Manche der Pflegekräfte haben keine Lust die Tür normal mit der Türklinke zu schließen und ziehen sie immer einfach kräftig und schnell ran. RRUMMMMS! Andere haben gar keine Lust die Tür zu schließen und lassen sie einfach offen. Das klingt jetzt vielleicht kleinlich oder seltsam. Aber wenn unsereins im Bett liegt und nicht aufstehen kann, um die Tür zu schließen.... dann gibt es keine Privatsphäre oder Ruhe für die nächsten Stunden.

Natürlich gibt es auch immer Schwestern und Pfleger, bei denen das anders ist. Vor kurzem durfte ich ein paar Tage eine Intensivstation besuchen (die Geschichte dazu erzähle ich zu einem späteren Zeitpunkt). Dort war wirklich sehr, sehr bemühtes und freundliches Personal im Dienst. Es hat mich allerdings erschreckt, das mir dies so auffiel und ich es für etwas Besonderes hielt.

Falls Euch das Thema interessiert, hört mal bei "Die Neue Norm" mal rein. Es lohnt sich immer.

Insa

Montag, 15. Februar 2021

Feedingtube Awearness Week - künstliche Ernährung, meine persönliche Geschichte

In der vergangenen Woche war die "Feedingtube Awearness Week" - also eine Woche in der die Aufmerksamkeit auf das Thema Ernährungssonden (jeder Art) gelenkt werden sollte. Ich versuche schon lange Euch einen Beitrag zu diesem Thema zu posten, aber das Thema ist so weitreichend, das es mir mal wieder schwer fällt, es einigermaßen kompakt zusammenfassen.

Warum musste ich künstlich ernährt werden

Das ganze Essensthema ist eine Geschichte für sich. Die Kurzfassung ist im Grunde typisch für meine Generation-Mukos: Hoher Energiebedarf, zu Anfang noch keine guten Enzyme um das Essen gut zu verwerten und immer enorme Schwierigkeiten essen zu können (Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen...). War ich als Baby noch normalgewichtig, wurde ich später immer dünner und lag irgendwann deutlich unter der 3er Perzentile bei diesen Gewichtskurven für Kinder.

Meine erste nasale Magensonde

1985, ich war neun Jahre alt, war ein schlimmes und sehr entscheidendes Jahr, was meine Gesundheit anging. Eh schon recht eingeschränkt in der Lungenfunktion, bekam ich Anfang des Jahres gleich zwei Lungenentzündungen hintereinander. Bei der Zweiten sah es wirklich beängstigend aus und mein sowieso schon geringes Gewicht war keine Hilfe. Zuerst bekam ich "Fett" über die Vene. Schließlich wurde entschieden, dass ich zusätzlich auch eine Magensonde (durch die Nase) bekommen soll. Allerdings waren 1985 Magensonden gefühlt so dick und unflexible wie heute Magenspiegelungschläuche. An das legen erinnere ich mich mit Grauen und bei jeder Lungenspiegelung ist allein der Weg vom Endoskop durch die Nase behaftet mit diesen furchtbaren Erinnerungen. So eine Sonde durfte immer sieben Tage liegen, bevor sie gewechselt wurde. An einem fünften Tag, entfernte eine Schwester zum waschen das Pflaster und ich sagte sofort panisch: "Die darf noch zwei Tage." Und zack hatte die Schwester die Sonde gezogen. Ich hab schrecklich geweint und die Schwester gehasst. Am nächsten Tag erklärte sie mir, dass sie es einfach nicht mit ansehen konnte, wie ich schon zwei Tage vor dem neu legen total aufgeregt und ängstlich war. Heute verstehe ich was sie meinte, aber damals fand ich es nur unfair. Ansonsten lief es gut mit Sonde. Schlucken war etwas schwieriger, aber meine Lieblingsschwester brachte mir von sich zu Hause Dosenobst mit, das rutschte gut. Und ich durfte mich auch selbst sondieren, ohne das jemand dabei war. Damals fand ich das total normal, im Rückblick heute ist es schon irgendwie krass. Von Fresenius gab es damals "Ochsenschwanzsuppe", das war mein Favorit - mein Teddy hat den Fleck davon allerdings immer noch. Magensonden für zu Hause waren noch nicht üblich. Daher war meine erste Phase der künstlichen Ernährung mit Entlassung aus dem Krankenhaus beendet. Es folgten einige Jahre in denen wir es mit den hochkalorischen Zusatzgetränken versuchten. Auch ein so ein Thema für sich.

Nasale Sonde Zweiter Versuch

1988, ich war inzwischen 12 Jahre alt, war das Thema Gewicht weiterhin ein großes Problem. Jetzt  konnte die künstliche Ernährung auch zu Hause stattfinden und so gab es einen neuen Anlauf mit einer nasalen Magensonde. Inzwischen waren diese deutlich dünner und weicher. Eine meiner "Muko-Vorbilder", Petra, schob sich ernsthaft jeden Abend selbst die Sonde und zog sie morgens wieder. Dafür habe ich Petra so bewundert. Bei mir gestaltete sich das Legen nicht ganz einfach und kaum war sie drin, hing sie mir nach einem Hustenanfall plötzlich aus dem Mund. Na super. Beim Versuch sie zu entfernen verhakte sie sich irgendwo in der Nase (da das Ende etwas dicker ist als der weiche Schlauch) und erst ein beherztes ruckartiges ziehen brachte den Erfolg. Damit war eine nasale Sonde definitiv vom Tisch.

PEG - ganz neu auf dem Markt und schon in meinem Bauch

Zu dieser Zeit hatte grade die erste Jugendliche auf der Station etwas total Neues bekommen: Eine PEG. Diese Art der Magensonde wird durch die Bauchdecke in den Magen gelegt. Der Vorteil ist, dass sie von anderen nicht gesehen wird (in dem Alter ein wichtiger Punkt), sie muss nicht ständig gewechselt werden und es stört kein Schlauch im Hals beim Schlucken oder Abhusten. Da das so neu war, kamen ständig Ärzte und Ärztinnen auf Station, die von den Schwestern wissen wollten: "Wo liegt die PEG?" Woraufhin unsere Schwestern immer nur auf ihren Bauch tippten und sagten: "So etwas neben dem Bauchnabel." Fand ich grandios. Lange Rede kurzer Sinn, ich wurde die zweite PEG! Ehrlich gesagt haben mich die Ärzte damals mit dieser Nachricht ganz schön überfahren (und meine Eltern auch). Ich war gar nicht begeistert und konnte mir nicht vorstellen, dass ich mich mit so einem Schlauch im Bauch überhaupt bewegen würde können. Wieder war es vor allem eine meiner Lieblingsschwestern, die sich viel Zeit genommen hat, mir alles zu erklären, zu zeigen und mir die Angst so gut wie möglich zu nehmen. 
Foto: Miriams Puppe mit PEG
 
Meine Puppen waren ja immer im Krankenhaus dabei und die hingen natürlich auch an sämtlichen Schläuchen. Mariechen hat hinten eine Klappe, wo eigentlich kleine Schallplatten rein kamen (kennt heute gar keiner mehr) und für den Lautsprecher Löcher im Bauch. Daher war sie die Auserwählte für eine top selbstgebastelte PEG.
Foto: Die Puppen-PEG etwas mehr im Detail

Das Beste was mir passieren konnte.

Insgesamt gesehen habe ich mich schnell an die PEG gewöhnt. Es war im Alltag bei all dem Essensdrama eine unglaubliche Erleichterung. Nicht nur für mich, auch für meine Familie. Allein im ersten halben Jahr nahm ich 10 Kilo zu und mein gesamter Gesundheitszustand wurde stabiler. Weniger Notfall-Krankenhausaufenthalte, weniger Fehltage in der Schule und ähnliches. Es gab natürlich ein paar Anfangsschwierigkeiten. Die Haut an meinem Bauch war schnell rot und zum Teil blutig vom Pflasterverband. Wie gesagt, ich war erst die Zweite, es gab noch keine Erfahrungen. Erst versuchten wir es mit Mullbinden um den Bauch - die rutschten aber natürlich sofort nach unten. Und so kam es recht schnell, dass ich nur noch den Schlauch mit einem Stück Pflaster fixierte und wir die Erkenntnis gewannen, dass es keinen Verband brauch wenn die PEG gut eingewachsen ist. Leider brauchte ich gut eine halbes Jahr um meinen ersten Hustenanfall am Morgen so zu steuern, dass ich mich nicht mehr übergeben musste. Über Nacht lief schließlich ein Liter milchartige Flüssigkeit in meinen Magen. Ein weiteres unschönes Problem war das Material damals. Der Stöpsel zum anschließen des Ernährungsbeutels wurde nicht wie heut geschraubt, sondern mit geklebt. Das hielt so semi gut. Immer mal wieder wurde ich nachts wach, weil ich in einer warmen Lache aus Fresubin Vanille und Magensaft lag. Nicht schön. Schlimmer war es aber, wenn der Stöpsel in der Schule auf oder ab ging und mir der Magensaft am Bein lang lief. Riecht dazu ja auch noch eklig. 

Wechsel bis zum Button

Meine erste PEG hielt tatsächlich sieben Jahre, so lang hat es keine zweite geschafft. Einmal war sie mir allerdings in den Dünndarm gerutscht, das war wirklich unangenehm. So wurden die Schläuche also alle paar Jahre gewechselt. Ab dem zweiten Model hatten sich auch die Schwierigkeiten mit dem losen Anschluss erledigt. Was für eine Erleichterung. Dann kamen "Buttons" auf den Markt. Dies bedeutet zwei markante Unterschiede. Innen im Magen gab es keine feste Halteplatte mehr, sondern einen Ballon der mit etwas Wasser gefüllt das rausrutschen verhindert. Ein Nachteil dabei ist, dass dieser Ballon natürlich keine sieben Jahre hält, sondern irgendwann undicht wird oder platzt (fühlt sich an wie eine zerplatzende Kaugummiblase im Magen). Dafür kann der Button allein gewechselt werden, habe ich mich aber nie getraut. Na gut, ich hatte auch nur zwei bevor es anders weiter ging. Nun hätte ich Euch aber fast den wichtigsten und entscheidenden Unterschied zur klassischen PEG verschwiegen. Es hängt einem kein 15 cm langer Schlauch mehr aus dem Bauch. Es ist nur noch ein kleiner runder "Plastikknopf" wo direkt ein Adapterschlauch angedockt werden kann. Heute ist es glaub ich sogar nur noch ein schmaler Steg. Kein hängenbleiben mehr, noch dezenter, klasse.  

Letztes Kapitel PEJ

Im Juli 2013 versagte meine eigene Lunge endgültig und ich musste an die ECMO (Herz-Lungen-Maschine). Zusätzlich hatte ich auch einen Luftröhrenschnitt für die Beatmung. Unter diesen Bedingungen entschied das Behandlerteam meinen Button gegen eine PEJ zu tauschen. Der Unterschied zur PEG besteht darin, dass der Schlauch innen nicht an der Mageninnenwand endet, sondern bis in den Dünndarm vorgeschoben wird. Das sollte vor allem verhindern das die Nahrung zurück in die Speiseröhre lief und auch die Gefahr des Erbrechens war wesentlich kleiner. Ich hatte wahnsinnig Glück in dieser Situation und bekam meine Spenderlunge. Wie viele Mukos hatte ich in den folgenden Wochen und Monaten noch große Probleme mit meinem Darm. Da war die PEJ ganz praktisch, weil ich dadurch viel Flüssigkeit zum spülen sondieren konnte und nicht alles trinken musste. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich total gern bei "selten" oder "das passiert eigentlich nicht" dabei bin? Etwa ein halbes Jahr nach der Lungentransplantation habe ich es geschafft, den Schlauch aus dem Dünndarm durch den Mund zu erbrechen. Da sich zuerst der Kehlkopf verkrampfte, war es es erst einmal eine beängstigende Situation, da ich kurzfristig nicht atmen konnte. Gut das mit der Lunge minimal atmen ausreichte. Die PEJ wieder zurückzuverlegen ist keine großartige Aktion. Dank Propofol habe ich ja auch nichts mitbekommen :-). Mein Untergewicht war schon etwa ein Jahr vor der Lungentransplantation kein Problem mehr und so konnte die PEJ ca. 15 Monate nach der Operation völlig entfernt werden. Seit dem bin ich "schlauchfrei". Kein Sauerstoffschlauch, kein Ernährungsschlauch, schon merkwürdig, aber toll!

Warum ich absolut dafür bin

Auch dieser Absatz ist im Grunde einen eigenen langen Artikel wert. Und ich versuche auch wirklich jetzt zügig zum Ende zu kommen, versprochen. Für mich bedeutete die künstliche Ernährung eine unglaubliche Erleichterung. Essen war irgendwann so negativ behaftet und nur schlimm. Dazu der Frust und die Wurt auf mich selbst, weil ich es einfach nicht geschafft habe genug zu essen. Dann noch die Belastung vor allem meiner Mutter, die ja wusste, wenn ich nicht zunehme geht es mir immer schlechter. Essen wurde also plötzlich entspannt. "Richtiges" Essen ist ja nach PEG Anlage nicht verboten (bei Muko). Daher konnte ich essen was und vor allem soviel (sowenig) ich wollte und hatte immer die Sicherheit das Flüssigkeitszufuhr und Energiebedarf im Zweifel durch die künstliche Ernährung gedeckt sind. Darum habe ich auch lange mit der Entfernung gewartet. Sie hat mich nicht gestört, ich habe doppelt so lang mit Schlauch im Bauch gelebt als ohne und ich wollte einfach nicht, dass essen mal wieder so ein Druck und Stress wird. 

Zu diesem Thema gehören natürlich noch viele andere medizinische, moralische und ethische Aspekte. Was wenn eine PEG nur gelegt wird weil niemand im Krankenhaus oder Pflegeheim genug Zeit hat um mit den Menschen dort zu essen?  Was ist mit Sondenentwöhnung bei Kindern? Essen ist nicht nur reine Nahrungsaufnahme und noch so vieles mehr. Aber dies würde natürlich komplett den Rahmen sprengen und ich bin eh nur Experte meiner eigenen Ernährungsgeschichte. Daher erlöse ich Euch jetzt, aber wenn Ihr Fragen habt traut Euch.

Guten Appetit,
Miriam
 
 

Freitag, 29. Januar 2021

Gesunde Architektur

Healthy oder auch healing architecture - zu deutsch: gesunde Architektur, will durch Berücksichtigung bestimmter Faktoren oder Baumaterialien das Leben der Menschen, die in den Bauwerken leben oder arbeiten verbessern. Ganz besonders gilt hier ein Augenmerk dem Krankenhausbau. Denn Krankenhäuser - und das weiß ich selbst aus jahrelanger Erfahrung... sind nur selten ein heller, freundlicher Ort der Ruhe und Erholung. Dabei sollten sie dies sein! Denn wie soll man sonst schnell gesund werden?

Vor kurzem bin ich über den Brand Eins Podcast "gestolpert" und fand bei den älteren Episoden eine Folge über gesunde Architektur. Stephanie Matthys (Architektin) erzählt darin über die Hintergründe von gesundem Krankenhausbau und welche Faktoren dabei besonders berücksichtigt werden sollten. Es geht hier vor allem um die Aspekte:

  • Luft
  • Licht
  • Lärm
  • Natur / Natur sehen
  • Raum / Raumgröße

 

gesund oder krank durch Architektur

Wer von Euch noch nie im Krankenhaus war, mag dies vielleicht überraschen: Gerade auf Intensivstationen ist es oft sehr laut. Und nicht immer haben die Intensivzimmer ein Fenster... Gut, manche motiviert so etwas vielleicht: "Ich muss hier so schnell wie möglich wieder raus!". Aber viele Schwerkranke oder auch die Stammpatienten mit z.B. chronischen Krankheiten, werden bei solchen Rahmenbedingungen eher lethargisch und antriebslos.
Studien haben (Überraschung!) herausgefunden, dass eine positiv stimulierende und ruhige, helle Umgebung die Chancen auf schnellere Genesung oder Erholung verbessern! Dafür gibt es in der Charité in Berlin nun extra ein "Test-Patientenzimmer". Dort werden nun die Fortschritte bei der Heilung von Patienten bei unterschiedlichen Raumerfahrungen beobachtet.

Meine letzten Krankenhausaufenthalte sind glücklicherweise etwas her... ich weiß aber noch sehr genau, dass ich immer als erstes die Gardine zu Seite geschoben habe, wenn ich das Zimmer bezog. Ich wollte Licht im Raum und den Ausblick (Himmel/Garten) sehen. Manchmal hatte ich aber ein Zimmer, von dem ich nur in einen tristen Innenhof blicken konnte - kein richtiger Blick zum Himmel war möglich und Sonnenstrahlen kamen dort nie an - dort war der einzige Lichtblick der Fernseher....

Berufsfindung

Wenn ich vor 

 

25 Jahren geahnt hätte, dass dies ein Bereich der Architektur ist, dann hätte ich mich sehr wahrscheinlich dafür interessiert und hätte der Architektur nach dem Studium nicht den Rücken gekehrt. (Inzwischen gibt es auch Wohnmedizin und Baubiologie!) Auf der anderen Seite... wenn ich eh schon regelmäßig alle halbe Jahre ins Krankenhaus gehe - würde ich mich dann auch noch damit in meiner Arbeitszeit beschäftigen wollen? Ich weiß es nicht. Aber meine Einsichten hätten garantiert geholfen... Ich glaube kaum, dass die meisten Architekt*innen, die Krankenhäuser planen, jemals irgendwo stationär gelegen haben. Wenn dies so wäre, dann sähen Krankenhäuser garantiert ganz anders aus!

Corona und Krankenhäuser

Auch die Corona-Pandemie hat den Blick auf die Krankenhäuser verändert. Dies meine ich jetzt nicht in Bezug auf Pflegepersonal und Intensivbetten, sondern in Bezug auf Ansteckung. Das bedeutet, dass es in Zukunft eventuell mehr Einzelzimmer geben könnte, weil so die Ansteckung von Patient*in zu Patient*in verhindert werden kann. Wenn man sieht, dass bei Krankenhausneubauten immer noch Vierbett-Zimmer gebaut werden, dann fände ich die oben genannte Entwicklung wirklich, wirklich richtig und gut. 

Bleibt gesund,
Insa